DIE SEELE WILL ATMEN – EINE REISE ZU DEINEM HERZEN

Yoga ist tiefster Ausdruck von Liebe – Liebe, die das Tor zu neuen Ufern öffnet. Liebe die atmet und fühlt. Bedingungslos. In diesem Buch verarbeitet die Yoga-Lehrerin Samira Henning nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern zeigt, wie die zwei grossen Traditionen Yoga und Schamanismus zusammenfinden und uns einen Weg zu mehr Liebe zeigen können.

EINLEITUNG

1964 kam ich als hellsichtiges Kind in einem reformierten Pfarrhaus auf die Welt. Lange Zeit war dieser Zustand normal, da ich nichts anderes kannte und auch nicht realisierte, dass andere Menschen nicht dieselben Dinge wahrnehmen konnten wie ich. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es, mit dieser Gabe umzugehen. Als ich zwanzig Jahre alt wurde, begegnete ich einer Schamanin. Sie war der erste Mensch in meinem Leben, der mir sagte, dass meine Wahrnehmungen normal seien. Sie führte mich in die Weisheiten des Medizinrades (Lebensweisheiten der Ureinwohner Nordamerikas) ein und lehrte mich, eine eigene Sprache für meine außersinnlichen Wahrnehmungen zu finden. In dieser Zeit überraschte mich ein Nahtoderlebnis nach einem schweren Unfall. Dieses veränderte nochmals meine Einstellung zum Leben. Daraufhin reiste ich nach Indien in einen Ashram (ein Ort der spirituellen Praxis) und vertiefte mich in die Welt des Yoga. Yoga heilte meinen gebrochenen Rücken. Mit Yoga lebe ich heute schmerzfrei.

Wir alle befinden uns auf einem Weg. Wohin jedoch soll uns dieser Weg führen? Existiert überhaupt ein Ziel? Ist es nicht so, dass jedes Ziel zugleich ein Anfang ist? Es ist viel einfacher und zugleich herausfordernder, gemeinsam ein Teil des Weges zu gehen, einzutauchen in die Erfahrung des Augenblicks, offen zu sein für Neues und dieses auch wahrzunehmen.
Meine Seele führte mich auf den Weg des Yoga und des Schamanismus. Beide Wege machen uns wach und aufnahmebereit für spirituelle Erfahrungen und wir können unser Dasein immer wieder und sofort verändern und neu bestimmen. Beide Wege vereinigen sich in ihrer einzigartigen Vollkommenheit wie zwei verliebte Herzen – werden eins. Beide Wege bauen für mich eine Brücke von der unsichtbaren in die sichtbare Wirklichkeit. Dank des unerschöpflichen Wissens des Yoga und durch die tiefe Weisheit des Medizinrades lernte ich, mich auf der Erde zurechtzufinden. Ich lernte, das Leben zu lieben.

Meine Intention zu diesem Buch war mein eigener Weg. Sobald ich begann, während eines Ausbildungsgangs im ‚Prozessbegleitenden Yoga‘, Geschichten aus meinem Leben zu erzählen, hefteten sich die Augen der Schüler an meine Lippen und wollten immer mehr davon hören. Sie legten mir nahe, diese Erfahrungen aufzuschreiben, damit auch andere Menschen daran teilhaben können. Also setzte ich mich hin und begann zu schreiben. Und schrieb und schrieb. Ich entdeckte darin eine wahre Leidenschaft, die mich zutiefst fesselte und eine ausufernde Erfüllung in mir hinterließ. Je dichter sich die weißen Seiten mit Buchstaben füllten, desto bewusster wurde mir, dass es unabdingbar ist, meine Erfahrungen zu teilen. Ich fühlte eine Verpflichtung darin, mein Wissen weiter zu reichen, es zu streuen und Menschenherzen zu berühren. Ich begann meine Erfahrungsberichte in die Lehre des ‚Prozessbegleitenden Yoga‘ – einem tief greifenden Weg der Selbstentdeckung und des Selbstwachstums auf Basis des Yoga-Wissens und der Lehre des Medizinrades einzuflechten.

In der indianischen Spiritualität ist das Medizinrad der Indianer Nordamerikas mit seinen acht Himmelsrichtungen das grundlegende Symbol für den heiligen Kreis des Lebens – ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben. Medizinräder sind Steinkreise, die von indianischen Völkern in kraftvollen Zeremonien angelegt wurden. Es waren Kraftorte, an denen Menschen das Leben mit Gesang, Zeremonien und Tänzen zelebrierten. Sie dankten der Mutter Erde und empfingen Heilung. Die Heilkraft des Medizinrades wirkt aus der Verbindung zum Großen Geist und aus der Anerkennung der kosmischen Gesetze. Es spiegelt das Universum in dir. Es ist ein Spiegel deiner Seele. Der Kreis symbolisiert die Verbindung aller Lebensformen untereinander, die miteinander verwoben und in dauerndem Austausch miteinander stehen.

Yoga ist eine alte spirituelle Weisheitslehre, die ihre Wurzeln in Indien hat. Die geistigen und körperlichen Übungen verbinden Körper, Geist und Seele in vollkommener Weise – ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben. ‚Prozessbegleitendes Yoga‘ ist ein Weg zur Selbstheilung. Durch die Integration aller Aspekte des Lebens – der körperlichen, geistigen, seelischen und spirituellen – lernst du Yoga als Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung und Gesundheitsförderung kennen. Das ganzheitliche Wissen schenkt dir die Fähigkeit, das verschleierte Bewusstsein Schicht um Schicht zu lüften, indem konkrete Lebensthemen reflektiert werden. Wie ist dein Körperbewusstsein? Wie ernährst du dich? Was für Kleidung magst du auf deiner Haut? Weite, enge, dunkle, helle oder farbig gemusterte und welche Stoffart fühlt sich gut an? Wie seifst du deinen Körper während einer Dusche ein? Zärtlich oder eher achtlos? Wie wohnst du? In einem Haus oder in einer Wohnung? In einer Stadt oder auf dem Land? Liebst du große oder kleine Wohnräume? Sind sie voller Gegenstände oder eher spärlich eingerichtet? Wie sieht es in deinem Keller aus? Was hast du für soziale Kontakte? Tun sie dir gut oder belasten sie dich? Was hast du für eine Beziehung zur Umwelt? Wie entsorgst du Abfall? Wie gehst du mir Träumen um? Wie ist dein Schlafzimmer eingerichtet? Was geschieht nach dem Tod? Die aus der inneren Weisheit aufsteigenden Antworten verleihen neue Impulse, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen und eigene ungelebte Qualitäten und Fähigkeiten zu entdecken. Indem du deine Erkenntnisse und Erfahrungen im Alltag umsetzt, wird dein Leben täglich bereichert, gewinnt an Tiefe und das Tor zu neuen Perspektiven kann aufgehen.

Das Yoga-Wissen, integriert in die Weisheit des Medizinrades, ist der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis deines Wesens auf körperlicher und energetischer Ebene, der Ebene des Verstandes und der Gefühle sowie auf der Seelenebene. Es steht für Veränderung, Leben, Tod, Geburt und Lernen. Das Yoga-Medizinrad bildet eine wunderbare Landkarte auf der Reise zu dir selbst. Jede Himmelsrichtung symbolisiert dabei spezifische Lebensthemen, Qualitäten und Merkmale, die dein Leben spiegeln. Der achtgliedrige Pfad von Patanjali (Autor der Yogasutra), ergänzt die Weisheiten des Medizinrades in einzigartiger Weise. Er lehrt, wie du Hindernisse (Kleshas) überwinden kannst, die dich immer wieder aus deiner Mitte zerren. Jeder Himmelsrichtung sind ebenfalls Yogastellungen, Atemübungen, ein Element, ein Chakra sowie ein Mantra zugeordnet. Diese Themenbereiche bauen aufeinander auf und bilden eine Einheit, als ob sie sich miteinander abgesprochen hätten. Die Reise beginnt im Süden und folgt dem Kreislauf des Lebens bis zum Südosten. Ein Baby kommt im Süden voller Unschuld und Vertrauen auf die Welt. Das Element Erde, Verwurzelung, Körperbewusstsein, Ernährung u.a. werden hier beleuchtet. Der nächste Schritt führt in den Südwesten und so weiter bis zum Südosten, der Versenkung, Verschmelzung und Vereinigung symbolisiert. Das Ziel der Reise ist die Mitte des Kreises, das Zentrum deines Herzens. Um dort anzukommen, müssen alle Verletzungen, Hindernisse und Blockaden in dir heilen. Aus der Mitte deines Herzens strahlt eine einzigartige Kraft: die Liebe. Mit der Liebe verbinden sich unsere Herzen und knüpfen ein Lichtnetz, welches sich über die ganze Erde ausdehnt.

Wenn du bei dir selbst angekommen bist, kannst du die Liebe in deinem Herzen nach außen tragen und deine Umwelt damit berühren.

Zwischen den theoretischen Kapiteln, die dem Kreislauf des Rades folgen, habe ich meine biografischen Geschichten eingeflochten. Damit möchte ich meine Erfahrungen mit dir teilen. Vielleicht erkennst du in der einen oder anderen Geschichte eine eigene Erfahrung. Vielleicht entlockt es in dir einen stillen Ausruf von: „Ja, das kenne ich auch!“ Vielleicht berührt dich die Erkenntnis, dass du mit deinen Erlebnissen nicht alleine bist.

Auch du hast den Atem des Lebens aufgenommen und mit deinem ersten Schrei die Herzen tief bewegt. Der Kreislauf des Lebens schenkt dir kostbare Chancen zu wachsen. Dabei darfst du nie vergessen, dass es keine Trennung gibt. Wir sind alle miteinander verbunden – gestern, heute, morgen. Wir sind hier, um voneinander zu lernen.
Wenn du in einer Phase der Standortbestimmung und Neuorientierung oder auf der Suche nach vertiefter Selbsterkenntnis und Lebenssinn bist, wirst du Antworten auf offene Fragen in diesem Buch finden.

Mit Themen aus der Prozessbegleitenden YogalehrerInnen Ausbildung möchte ich mit dir yogisch durch die acht Himmelsrichtungen des Medizinrades tanzen.
Mit Begegnungen aus meinem Leben lasse ich dich an großen und kleinen Wundern auf meinem Erdenweg teilhaben. Die Namen meiner WegbegleiterInnen habe ich geändert, um ihre Privatsphäre zu wahren. Das Erlebte ist zum Teil schon vor langer Zeit geschehen. Ich habe es nach meiner Erinnerung aufgeschrieben, deshalb kann es sein, dass es kleine Abweichungen gibt.

Ich spreche dich bewusst mit ‚du‘ an, damit wir uns etwas näher sind, denn ich freue mich darüber, dass du dich auf mein Buch einlässt und mit mir auf diese Reise gehst. Die männliche Form wählte ich, damit der Lesefluss nicht unterbrochen wird. Dies hat nichts damit zu tun, dass ich Frauen benachteiligen möchte, zumal ich ja selbst eine Frau bin …

Ich habe großen Respekt davor, meine persönlichen Erfahrungen schutzlos in die Hände der Leser zu legen. Ich freue mich umso mehr über jeden einzelnen Leser, der sich von diesen Geschichten berühren lässt, sich ab und zu selbst erkennt und vielleicht ein ‚Aha-Erlebnis‘ erleben darf. Vermutlich wird es auch ein paar Stimmen geben, die es nicht gutheißen, dass ich zwei Lehren miteinander verbinde. Das ist in Ordnung, denn jeder hat eine eigene Sichtweise, was wunderbar ist. Wir können so am meisten voneinander lernen. Tolerant sein und ‚einfach etwas mal so stehen zu lassen‘ gehört zu unseren größten Herausforderungen im Leben. Das was ich in diesem Buch schreibe ist aus meinen eigenen Erfahrungen geboren. Es ist meine Wahrheit und muss nicht heißen, dass es auch deine Wahrheit ist. Ich möchte dich einladen, deine eigene Wahrheit zu erkunden. Eine von meinen Wahrheiten ist die Gewissheit, dass das Verbinden von verschiedenen Kräften unfassbar Großes bewirken kann. Schlussendlich führt jede Lehre zum selben Ziel – zur Liebe in unseren Herzen.

Mit diesem Buch möchte ich Menschen erreichen, die auf dem Weg sind. Ich möchte dich an der Hand nehmen und ein Stück des Weges mit dir gehen. Ich hoffe, dass diese Zeilen dir helfen werden, dein Vertrauen ins Leben zu stärken, den Mut zu haben nicht aufzugeben. Ich möchte darüber sprechen, dass wir in der unermesslichen Liebe des großen Ganzen gehalten sind und dass alles gut ist, so wie es ist.

Man kann einen Menschen nichts lehren,
man kann ihm nur helfen,
es in sich selbst zu entdecken.
Galileo Galilei

VORWORT VON DR. MARION VÖLGER

Ich las meinen Vorabdruck zur ‚Die Seele will atmen‘ an zwei Tagen, an denen ich jede Menge zu tun hatte. Eigentlich dachte ich, dass dies kein guter Moment sei, um danach seriös ein Vorwort zu diesem wun- derbaren Buch zu verfassen. Ich hatte letztlich auch den Anspruch, diesen Text mit der gebotenen Achtsamkeit zu schreiben und hatte schon ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Dann aber merkte ich, dass es genau passte. Ich hatte einen Reiseführer in der Hand, nicht für die Ferien, sondern für das Hier und Jetzt. Dies wurde mir spätes- tens bewusst, als ich begann, das Kapitel über den Rückzug des Geistes (Pratyahara) zu lesen: „Durch den Rückzug des Geistes von der äußeren Welt wirst du eine klare, innere Fokussierung erreichen. Voraussetzung dafür ist eine äußere Sauberkeit und Ordnung.“ Sofort erinnerte ich mich wieder an den Moment, als wir die Bedeu- tung der äußeren Ablenkungsmanöver und deren Wirkung auf unseren Geist in Samiras YogalehrerInnen Ausbildung besprochen und auch gelebt hatten. Gleichzeitig glitt mein Blick über meinen Schreibtisch und es war mir ein Rätsel, wie man sich hier eigentlich konzentrieren sollte. Ich räumte sofort gründlich auf.

‚Die Seele will atmen‘ ist ein Begleiter für einen ganz besonderen Weg zu unserem Herzen. Das Buch schafft Brücken zwischen Scha- manismus, Yoga und eigenen Erfahrungen. Es gibt vielschichtige Ein- blicke in diese Welten, frei von Anspruch auf Vollständigkeit und vertiefte theoretische Abhandlungen. Dieses Buch ist keine Anleitung zum ‚Wie‘, es enthält keine praktischen Anleitungen zu Asanas oder Atemübungen. Aber es erklärt in einzigartiger Weise, was diese Hand- lungen bewirken können und hilft so, das ‚Weshalb‘ zu verstehen. Es verbindet in spielerisch leichter Weise Theorie und Praxis und macht Patanjali’s achtfachen Pfad und das Medizinrad greifbar. Für mich machte es außerdem die Verbindung zwischen der spirituellen Welt und unserer Alltagswelt, die sich manchmal scheinbar kaum miteinander vereinbaren lassen, sehr deutlich. Samira bringt uns viele Themen des Yogaweges, verbunden mit ihren eigenen Erfahrungen, sehr anschaulich nahe. Sie spricht aber auch Themen an, die unseren Alltag prägen, die jedoch in der spirituellen Welt oft ausgeblendet wer- den, wie beispielsweise das Geld oder was es bedeutet, eine Lehrerin oder ein Lehrer zu sein. Mich persönlich hat natürlich die abschlie- ßende Feststellung, dass Yogalehrerinnen und Yogalehrer auch nur Menschen sind, sehr beruhigt.

Das Buch beschreibt in berührend persönlicher Weise unsere Reise zum Herzen und was geschehen kann, wenn wir uns einmal entschie- den haben, uns auf den Weg zu machen. Es inspiriert und motiviert, den eigenen Weg zu gehen und tatsächlich zu Handeln, weit über das Aufräumen des Schreibtisches hinaus. Denn genau dort bleiben wir ja immer wieder stehen auf unserem Weg, dort wo es darum geht, zu handeln. Sei es aus Trägheit, Unsicherheit oder Angst. Und dort müssen wir weitergehen, letztlich ist es nur die Handlung, die zur Wandlung führt.

Ich möchte dieses Vorwort nicht abschließen, ohne meinen großen Respekt vor diesem sehr persönlichen Buch zum Ausdruck zu brin- gen. Ich habe viele Aussagen, die ich von Samira während unserer Ausbildung gehört habe, in diesem Buch wiedergefunden. Eine davon ist für mich besonders wichtig. Ich trage sie jeden Tag bei mir: „Wenn du im Hier und Jetzt bist, kann überhaupt nichts passieren“. Nichts anderes gibt mir so sehr das Gefühl, dem Leben einfach vertrauen und weitergehen zu können. Für diesen besonderen Schatz, den mir Samira mitgegeben hat, bin ich sehr dankbar. Er findet sich in vielen Facetten in diesem Buch wieder. Möge er auch allen Leserinnen und Lesern ein treuer Wegbegleiter sein.

ERWACHEN

Ein ohrenbetäubender Knall hinterliess einen staunenden Ausdruck auf meinem Gesicht. Als mich gleichzeitig eine unsichtbare Kraft aus dem Velosattel hob, realisierte ich, dass dieser Knall etwas mit mir zu tun haben musste. Ich flog sechs Meter rückwärts über das Auto hinweg, welches mich soeben angefahren hatte.
Eigentlich hatte dieser Tag so gut angefangen: Ich freute mich, wie ein kleines Kind, das an Weihnachten Geschenke auspacken darf, an der Errungenschaft neuer, sonnengelber Bettwäsche, die ich an meinem wohlverdienten Feierabend in einem Geschäft entdeckt hatte. Da mein Velogepäckträger bereits bis obenhin mit einer grossen Trainingstasche besetzt war, hatte ich die Bettwäsche in meinen kleinen Rucksack gequetscht. Zudem war ich an jenem zukunftsverändernden Tag an der Tanzschule vorbei gefahren, wo ich in zwei Wochen die Ausbildung zur professionellen Tänzerin beginnen wollte, was ein aufregendes Kribbeln in mir ausgelöst hatte.
Der pralle Rucksack mit der neuen Bettwäsche verblieb während des ganzen Fluges wie angeklebt an meinem Rücken. Im Nachhinein kam es mir vor, als hätten meine Schutzengel mich davor bewahren wollen, dass meine Wirbelsäule in all ihre Einzelzeile zertrümmert werden sollte. Nach einem dumpfen Aufprall lag ich bewegungslos auf der asphaltierten Strasse. Ein Gefühl von Wärme hüllte mich wie ein Schutzmantel ein. Leicht wie eine Feder schwebte ich über der Unfallstelle und beobachtete erstaunt, wie quietschende Autos hinter meinem reglosen Körper abrupt abbremsten, Menschen hilflos hin und her eilten.
Plötzlich zog mich eine unsichtbare Kraft von diesem Ort weg und ich schwebte auf ein unfassbar schönes, helles Licht zu, welches mich magisch anzog. Mich erfüllte ein Gefühl von einem tiefen inneren Frieden, je näher ich diesem Licht kam. Alles schien sich aufzulösen. Gleichzeitig fühlte ich mich von einer liebenden Kraft gehalten und wusste instinktiv, dass alles in Ordnung war. Es gab keine Fragen mehr, die nach Antworten verlangten. Eine unbeschreibliche Harmonie durchflutete mein Innerstes. Hätte ich in diesem Zustand weinen können, wären aus lauter Dankbarkeit für dieses Gefühl des Nachhausekommens warme, befreiende Tränen meine Wangen heruntergekullert.
Eine Lichtgestalt tauchte neben mir auf und ich erkannte in ihr freudig meinen geistigen Führer Nathanael. Er forderte mich auf, ihn anzusehen und sagte: „Es ist noch nicht an der Zeit zu gehen, du hast noch einiges zu tun auf der Erde.“
Nathanael ist mein Führer, der mich schon sehr lange begleitet. Eigentlich hat er gar keinen Namen. Er zeigt sich mir durch ein besonderes Gefühl, das er in mir auslöst. Hier auf der Erde ist es jedoch einfacher, wenn ich ihn mit einem Namen anrufe. Er trägt eine grosse Weisheit in sich, die mich immer wieder tief berührt. Mein Vertrauen zu ihm ist grenzenlos. Nathanael ist immer in meiner Nähe. Er ist mein bester Freund und ich kann mich bedingungslos auf ihn verlassen. Bei jeder Gelegenheit spreche ich zu ihm, bedanke mich für sein Dasein, seine Unterstützung. Wenn ich verzweifelt bin, tröstet er mich mit aufmunternden Worten, die er in meine Gedanken legt. Auch hat er einen goldenen Humor. In angespannten, schwierigen Situationen spielt er oft den Clown, um mich aufzuheitern, dies so lange bis ich beginne, haltlos zu lachen. Wenn dies geschieht und ich unter Menschen bin, kommt es schon mal vor, dass diese mich verständnislos anstarren, so, als wäre ich nicht ganz dicht. In besonders herausfordernden Situationen tauchen auch andere geistige Begleiter auf. Nathanael jedoch ist immer an meiner Seite und unterstützt mich mit einer Hingabe, die von bedingungsloser Liebe zeugt.
Er spürte augenblicklich, dass er mich mit seiner Aussage zutiefst verunsichert hatte. Meine Sehnsucht nach dem soeben erfahrenen Licht war nämlich überirdisch mächtig. Ich überlegte angestrengt, wie ich ihm verständlich machen könnte, dass ich von dem tiefen Wunsch beseelt war, in dieses Licht einzutauchen. Er jedoch vermittelte mir durch seine bestimmte Haltung mit eindrücklicher Klarheit, wie ernst ihm seine Worten waren.
Nathanael nahm mich bei der Hand und flog mit mir über die Erde hinweg. Als wir über eine grosse Stadt mit unendlich vielen Wolkenkratzern hinwegschwebten, streifte mein Blick über Menschen, die wie Ameisen durch die Strassen strömten. Nathanael bedeutete mir etwas näher hin zu gehen und genauer zu schauen. Ich entdeckte zwischen den Massen vereinzelte strahlende Lichter, die wie der Strahl einer Taschenlampe nach oben leuchteten und miteinander verbunden waren. Diese Lichtstrahlen bildeten ein perfektes Netz, welches die ganze Erde umhüllte. Auch uns berührten diese Lichtstrahlen und es wurde mir auf beruhigende Art und Weise klar, dass es noch viele andere wunderbar strahlende Menschen auf der Erde gab, die die schöne Aufgabe hatten, die noch schlafenden Seelen auf ihrem Weg zur Bewusstheit zu unterstützen.
Ich fühlte, wie ich in meinen leblosen Körper zurückgezogen wurde, den ich plötzlich wieder unter mir spürte. Durch einen Schleier konnte ich wahrnehmen, wie mich eine rauchige Frauenstimme nach der Telefonnummer eines Angehörigen fragte. Ich hörte Menschen, die aufgeregt miteinander diskutierten, ob sie mich seitlich lagern sollten, damit ich nicht an meinem Erbrochenen erstickte. Jetzt erst spürte ich den metallenen Geschmack von Blut in meinem Mund und wie diese klebrige, warme Flüssigkeit meinen Hals hinunter rann. Aber den Geschmack nach Erbrochenem konnte ich beim besten Willen nicht wahrnehmen. Schlagartig war mein inneres Sensorium aktiviert und sämtliche Alarmsignale leuchteten auf, denn ein brennender Schmerz im Rücken liess mich das Schlimmste vermuten.
Erstaunlich klar gab ich die Anweisung, dass mich niemand anfassen dürfe. Ich war nun bei vollem Bewusstsein und dies war – wie sich im Nachhinein herausstellte – mein grosses Glück. Denn ich kann bis heute nicht abschätzen, was mit meiner Wirbelsäule geschehen wäre, wenn sie mich auf die Seite gedreht hätten.
Ein Krankenwagen mit Blaulicht hielt neben mir und zwei Sanitäter eilten mit hastigen Schritten herbei. Ein junger Arzt suchte die Quelle meines Blutflusses. Ich hatte bei der Heftigkeit des Aufpralls meine Zunge fast abgebissen. Gottseidank konnte er vorerst eine innere Verletzung ausschliessen. Er musterte mich mit wachen Augen und fragte: „Haben Sie Schmerzen?“
„Ja, ich habe das Gefühl, mein grosser linker Zeh wurde abgerissen, die Schmerzen an dieser Stelle sind unerträglich.“
Mit ernstem Gesichtsausdruck schaute er mich an und sagte trocken: “Seien Sie froh, dass Sie ihren Zeh noch spüren!“
In diesem Augenblick wurde mir schlagartig bewusst, dass dieser Unfall meine ganze Zukunft verändern würde. Keine Tanzausbildung, kein Velofahren mehr und im schlimmsten Fall würde ein Rollstuhl auf mich warten.
Äusserst vorsichtig schoben die Sanitäter ein luftleeres Kissen unter meinen Körper. Luft strömte durch eine Öse ein. Sie betteten mich sanft auf das Luftkissen ohne die geringste Verschiebung der Wirbelsäule. Mit Blaulicht rasten wir durch die Stadt Zürich ins Universitätsspital. Auf der Notfallstation scharten sich eine Handvoll Ärzte um meine Tragbahre. Sie untersuchten mich nach inneren Verletzungen und beschlossen sämtliche Knochen in meinem Körper zu röntgen.
Diese Prozedur habe ich in meiner Erinnerung ausgeblendet, da sie unglaublich schmerzhaft war, und ich zu sehr damit beschäftigt war zu beten, dass meine Knochen unversehrt sein mögen.
Meine Schutzengel hatten ganze Arbeit geleistet. Dank dem gepolsterten Rucksack auf meinem Rücken war lediglich ein Wirbelkörper auf Brusthöhe gebrochen und zwei weitere gestaucht. Ich kam mit einer Gehirnerschütterung und einem ausgerenkten grossen Zehen davon. Mein Brustkorb fühlte sich einseitig an, da sich die Rippenbogen durch den Aufprall verschoben hatten. In meinem linken oberen Rückenbereich hatte ich kein Gefühl mehr. Es fühlte sich an, als wären die Nerven durch die gebrochenen Wirbelkörper abgetrennt worden. Blutergüsse verteilten sich, wie kunstvoll geformte Inseln, auf meinem geschundenen Körper.
Der Arzt blickte über den Rand seiner Lesebrille und sagte: „Sie hatten grosses Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Der gepolsterte Rucksack auf ihrem Rücken konnte den Aufprall mildern. Trotzdem werden Sie lernen müssen, mit Schmerzen zu leben.“
Mein Kampfgeist war mit einem Schlag geweckt. „Nicht mit mir“, dachte ich. „Ich bin mit meinen 25 Jahren noch viel zu jung, um meine Träume aufzugeben.“ Obwohl die Tanzausbildung bereits in zwei Wochen beginnen würde, setzte ich mir in den Kopf, dass ich einfach etwas später einsteigen würde.
Mein damaliger Freund pflegte mich fürsorglich Tag und Nacht. Er half mir, wenn ich auf die Toilette musste, brachte mir meine Lieblingsspeisen und verbrachte die meiste Zeit an meinem Bett, welches ich über längere Zeit hüten musste. Ich hatte viel Zeit um Nachzudenken: Wie würde meine Zukunft aussehen? Würde ich mich jemals wieder schmerzfrei bewegen können? Was sollte ich nur tun? Ich war oft der Verzweiflung nahe und in diesen Augenblicken beruhigte er mich liebevoll mit den Worten, dass alles wieder gut werden würde.
Eines Tages klingelte es an der Tür und ein Polizist besuchte uns. Er fragte mich, ob ich gegen den Taxifahrer, der mich angefahren hatte, Anzeige erstatten wolle?
„Sicher nicht!“ antwortete ich, „er hat mich ja nicht absichtlich angefahren.“
Der Polizist, der noch sehr jung war, legte seine glatte Stirn in Falten und meinte: „Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass, wenn Sie keine Anzeige erstatten, die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird.“
„Das verstehe ich nicht“, sagte ich, da ich der Überzeugung war, dass die Versicherung des Taxifahrers den Schaden auf jeden Fall übernehmen müsse, weil jener mich ja angefahren hatte.
„Wenn der Taxifahrer bestreitet, und das tut er“, meinte der Polizist, „dass er die alleinige Schuld am Unfall hat, muss seine Versicherung nichts bezahlen.“
Dies machte mir nun doch ein wenig Angst. Der sympathische Polizist ermahnte mich zu meiner Sicherheit, eine Anzeige aufzugeben und ich vertraute ihm. Vom Taxifahrer selbst hatte ich seit dem Unfall nichts mehr gehört: Er hatte sich weder nach meinem Befinden erkundigt, noch hatte er mir einen Besuch abgestattet.
Einen Tag später klingelte es wieder an der Tür, dieses Mal jedoch morgens um sechs Uhr. Schlaftrunken schaute mein Freund durchs Guckloch. Ein kleiner untersetzter Mann stand mit hochrotem Gesicht vor der Tür. Sein fast kahler Schädel glänzte im künstlichen Treppenhauslicht. Es war der Taxifahrer, der mir lauthals durch die halboffene Wohnungstür verkündete, dass Jesus ihm gesagt hätte, dass mir nichts geschehen sei beim Unfall. Jesus? Mir nichts geschehen war? Das war ja interessant! Ich erklärte ihm, dass sich Jesus wohl geirrt haben musste, denn es sei sehr wohl etwas mit mir passiert. Der Taxifahrer wollte es gar nicht hören und stapfte wütend davon.
Kurz darauf rief mich eine fremde Frau an und erkundigte sich, wie es mir ginge. Sie teilte mir mit, dass sie beim Unfall alles gesehen hätte und dass ich, falls ich eine Zeugin bräuchte, sie kontaktieren könne. Sie ärgerte sich furchtbar über den Taxifahrer. „Dieser Idiot hätte ja nicht mal einen Elefanten auf der Strasse gesehen!“ wetterte sie. Ihre Emotionen rührten auch daher, dass sie selbst eine Tochter mit blonden Haaren in meinem Alter hatte und sich vorstellte, dass es auch ihre Tochter hätte treffen können.
Tatsächlich erhielt ich ein paar Monate später eine Vorladung vom Gericht. Offenbar hatte der Polizist recht gehabt. Ich rief die Zeugin an und bat sie, mich zu diesem Termin zu begleiten. Als wir vor dem Gerichtssaal warteten, begegnete mir der Taxifahrer. Unruhig wie ein gefangenes Raubtier ging er hin und her.
Als er mich sah, fauchte er mich wütend an: „Sie sind schuld, dass ich jetzt hier sein muss!“ Ich erkannte, dass er grosse Angst hatte, denn er war schon etwas älter und stand vermutlich kurz vor der Pensionierung.
Insgesamt mussten wir drei Mal vor Gericht erscheinen, da er jedes Mal Einspruch gegen das Urteil erhob. Sein Anwalt verteidigte ihn ein wenig hilflos mit fadenscheinigen Argumenten. Der Taxifahrer behauptete immer wieder, dass ich unter Drogen gestanden sei, als ich mit dem Velo unterwegs gewesen war und dass Jesus ihm versichert hätte, dass mir nichts geschehen und ich eine verdammte Lügnerin sei.
Bei unserem letzten Termin polterte er lauthals mit Anschuldigungen gegen mich los. Dabei gestikulierte er aufgeregt mit Händen und Füssen. Er holte eine Strassenkarte hervor, auf der er mit einem dicken, roten Strich die Unfallstelle eingezeichnet hatte. Damit wollte er beweisen, dass ich mitten auf der Strasse einen drei Meter grossen Schwenk gemacht hätte. „Sie hat ein massives Drogenproblem, das habe ich gleich erkannt! Wie eine Betrunkene ist sie gefahren!“ wetterte er gehässig.
Es sei nicht seine Schuld, dass er nicht mehr abbremsen konnte. Er fluchte und schrie im Gerichtssaal, bis ihm die Richterin streng Einhalt gebot. Daraufhin beschimpfte er die Richterin, dass sie keine Ahnung von ihrem Beruf hätte. In diesem Moment wusste ich, dass er zu weit gegangen war, denn der Geduldsfaden der Richterin riss nun endgültig.
Ich war ohne Anwalt gekommen. Die Richterin hörte mich aufmerksam an und wollte dann nochmals von der Zeugin wissen, wie sie den Unfall beobachtet hätte. Auch die Zeugin war auf Hochtouren. Ich spürte, wie sie vor Wut zitterte. Sie schildete den Hergang des Unfalls aus ihrer Sicht.
„Der hätte ja nicht mal einen Elefanten auf der Strasse gesehen!“ schloss sie ihre Ausführungen mit ihrem Lieblingssatz.
Die Richterin gab dem Taxifahrer die Höchststrafe. Er musste seinen Fahrausweis für ein Jahr abgeben, sämtliche Kosten übernehmen und für zwei Wochen bedingt in eine Strafanstalt. Als ich seine zusammengeknickte Gestalt betrachtete, tat er mir richtig leid, denn nach wie vor, war ich davon überzeugt, dass niemand absichtlich eine Velofahrerin umfährt. Doch sein Verhalten vor Gericht hatte ihm massiv geschadet. Ich denke, wäre er einsichtig gewesen, hätte er wohl keine Strafe gekriegt. Eigentlich war es ja vor allem darum gegangen, zu entscheiden, welche Versicherung für die Kosten aufkommen musste. Obwohl ich zu jener Zeit noch kein Yoga praktizierte, wurde mir durch dieses Erlebnis bewusst, wie wichtig es ist, die innere Mitte zu bewahren und dass wir mit starken negativen Emotionen viel zerstören können.
Gut ein Jahr später fuhr ich mit meinem neuen Fahrrad die Limmat entlang. Ich spürte, wie sich von hinten ein Auto näherte und gefährlich nah aufschloss. Ich drehte mich um und erkannte den Taxifahrer. Auch er hatte mich erkannt und begann mich wütend von der Strasse abzudrängen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Mit einem gekonnten Sprung hechtete ich samt meinem Fahrrad auf den Gehsteig und raste wie eine Verrückte davon. Wie im Krimi verfolgte mich der Taxifahrer und schaute böse aus dem Fenster. Glücklicherweise befand sich ein kleines Stück weiter vorne eine Fussgängerbrücke über die Limmat. In letzter Sekunde bog ich blitzschnell ab und flitzte in einem Höllentempo über die Brücke davon. Ich glaube, so schnell bin ich in meinem ganzen Leben noch nie Fahrrad gefahren. Der wollte mich doch tatsächlich nochmals umfahren, schoss es mir durch den Kopf. Oder wollte er mich einfach noch einmal unmissverständlich daran erinnern, in meinem Leben nicht mehr einzuschlafen? Bewusst meinen Erkenntnissen treu zu bleiben? Dieser verrückte Taxifahrer war einer meiner grössten Lehrmeister. Er hatte mich in vielerlei Hinsicht wachgerüttelt. Und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
Der Unfall hatte mein ganzes Leben durcheinander gebracht. Der Boden unter den Füssen war mir schonungslos entzogen worden und ich wurde auf unangenehme Art und Weise gezwungen, mein Leben zu überdenken. Mein Rückgrat war auf Herzhöhe gebrochen worden. Täglich wurde ich mit der Aufforderung konfrontiert, mein Leben von nun an aufrichtig zu betrachten. Lebte ich mit einer Lebenslüge, welche mich nötigte, in gekrümmter Haltung zu gehen? Hatte ich den Mut, mein Herz für die Schönheiten des Lebens zu öffnen? Würde ich es schaffen, diese Erfahrung als Chance für eine Veränderung anzunehmen?
Der andere Weg, mich selbst zu bemitleiden, kam mir zu anstrengend vor. Auch wenn es ein schönes Gefühl war, im Mittelpunkt zu sein und sich umsorgt zu wissen, konnte es nicht mein Lebensinhalt sein, mich von der Fürsorge anderer abhängig zu machen. Ich wollte selbstverantwortlich  mit starkem Rückgrat, aufrichtig durchs Leben gehen und künftig aus der Weisheit meines Herzens handeln.
Die Folgen des Unfalls hatten mir mit aller Deutlichkeit bewusst gemacht, dass ich für eine Heilung auf allen Ebenen selbst verantwortlich bin. Und diese Erkenntnis führte mich auf wundersamen Wegen auf den Yogapfad. Ich musste mir eingestehen, dass der Arzt Recht behalten sollte mit seiner Aussage, dass mein Leben fortan von Rückenschmerzen bestimmt sein würde. Aber ich fand schnell heraus, dass dieser Arzt vermutlich noch nie etwas von Yoga gehört hatte, denn wenn ich Yoga praktizierte, war ich schmerzfrei. So wurden meine Rückenschmerzen auf Herzhöhe zu meinem grössten Lehrer im Fach Disziplin. Ich kann mir bis heute nicht erlauben, auf meine tägliche Yogapraxis zu verzichten, ausser ich würde mich für ein Leben mit konstanten Schmerzen entscheiden. Yoga ist ausserdem das Medium, mich zu verwurzeln und die Dankbarkeit in mir zu spüren, am Leben zu sein. Durch Yoga lernte ich das Leben auf der Erde zu lieben.

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RESTORATIVES YOGA

Restoratives Yoga bringt den Organismus zur Ruhe und widmet sich ganz gezielt der Regeneration der Organe. Es bringt einen inneren Prozess in Bewegung, fördert die Sensibilität für den Körper und beruhigt den Geist und das Nervensystem. Durch das längere Verweilen in den Posen gelingt es, sich vollständig der Schwerkraft hinzugeben, in den Raum der Stille einzutauchen, den Klängen der inneren Weisheit zu horchen und vor allem loszulassen.

In diesem Buch beschreibe ich meine Erkenntnisse über die tiefere Bedeutung von Restorativem Yoga. Dabei beschränke ich mich nicht allein auf die Erklärung der Körperübungen. Vielmehr geht es mir darum, Restoratives Yoga als umfassenden Weg zu mir selbst, zum Leben zu beleuchten. Die Kombination aus Übungen, Weisheiten, eigenen Erfahrungen und biografischen Anekdoten sollen verdeutlichen, dass Spiritualität in jedem Moment des Lebens stattfindet und nicht nur auf der Yogamatte.

MEIN WEG ZUM RESTORATIVEN YOGA

Mögest du deine Flügel ausbreiten und
behutsam in die Stille deines Herzens fliegen.

Vancouver. Ein Mekka an Yogaangeboten. Ein Paradies für Yogafreunde. Jeden Morgen spazierte ich zu einer Yogaschule, die eine unglaubliche Vielfalt an Yogaklassen anbot. Ich probierte praktisch jeden Yogastil aus und war immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich Yoga sein kann. Ohne Zweifel bevorzugte ich die intensiven Yogaformen, die mich ins Schwitzen brachten und meine physischen und geistigen Grenzen ausloteten.

Auf dem übervollen Stundenplan entdeckte ich eines Tages einen Yogastil, den ich zum ersten Mal hörte: Restoratives Yoga. Mir war klar: Dies wird meine nächste Yogarichtung sein, die ich kennen lernen wollte. Ich konnte mir nichts unter diesem Begriff vorstellen, außer dass es eine Yogastunde ohne Schweißtropfen werden könnte.

Am nächsten Tag schlenderte ich gemütlich zum Yogastudio. Vermutlich würde ich die einzige Schülerin in dieser Yogaklasse sein. Wer wollte schon so eine ruhige Yogastunde besuchen. ‚Rest’ klang für mich wie Rasten oder Nichtstun.

Als ich eine Minute vor Beginn der Stunde mit meiner Matte unter dem Arm die Tür zum Kursraum aufstieß, stockte mir der Atem. Der Raum war bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Etwa dreissig Schüler saßen auf dem Boden und blickten erwartungsvoll zum asiatischen Lehrer, der mit einer lockeren, aufmunternden Art die Menschen in diesem Raum begrüßte. Ich schlängelte mich zwischen den Matten hindurch. Schließlich entdeckte ich zwischen einem grauhaarigen Mann mit runzligem Gesicht und einer jungen Frau mit Krücken, die neben ihr lagen, einen Platz für meine Yogamatte.

Während einer ganzen Stunde lag ich auf dem Boden und führte insgesamt drei Yogaübungen (Asanas) aus. Auf Anweisung des Lehrers polsterte ich meinen Körper mit Decken, Kissen und Blöcken, sodass er bis zu zwanzig Minuten bewegungslos in einer Stellung ruhen konnte.

Als die Stunde zu Ende war, stand ich etwas ratlos auf. Ich dachte: „Was war das denn? Yoga?“ Als ich mich im Raum umsah, durchflutete mich ein Gefühl tiefster Ruhe. Diesen Zustand kannte ich bis zu jenem Zeitpunkt nur von ausgedehnten Meditationen. Leicht, frei und zutiefst ausgeglichen schwebte ich aus dem Raum, als ob mir Flügel gewachsen wären. Und dennoch fühlte ich den Boden unter meinen Füßen so deutlich wie selten zuvor.

Wir alle brauchen Inseln – Inseln der Ruhe,
Inseln des Glücks und der Leichtigkeit.

Diese Erfahrung war meine Initialzündung für den Weg zum Restorativen Yoga. Ich wollte mehr darüber wissen. Das Gefühl des Losgelöst‐Seins von einengenden Strukturen erinnerte mich an meine Nahtoderfahrung, die ich später mit dir teilen werde. Auch damals schwebte ich in diesem Zwischenraum der absoluten Freiheit und erkannte, dass an diesem Ort des Friedens Heilung möglich ist.

Ein wenig erinnerte mich Restoratives Yoga auch an meine Ausbildungszeit im Jahre 1990 in Sydney. Mein Yogalehrer Julian Calvo, der nach der Iyengar‐Tradition unterrichtete, zeigte mir schon damals, wie ich mit Unterstützung von Hilfsmitteln optimal in eine Pose gleiten konnte. B.K.S. Iyengar erfand nicht nur die Yogamatte, sondern entdeckte auch aufgrund von eigenen Erfahrungen, die er mit seinem Körper machte, wie einfache Holzklötze, Gurte und Decken die Praxis erleichtern können.

Judith Hanson Lasater, eine langjährige Schülerin von Iyengar, hat ihr Leben damit verbracht, das Restorative Yoga bekannt zu machen. Sie ist seit 1971 Physiotherapeutin und Yogalehrerin. Judith hat unzählige Yogalehrer in 47 US‐Staaten und mehr als einem Dutzend Ländern geschult. Es ist ihre Berufung die Schüler durch die sanften, selbstheilenden Yogaposen zu führen. Ich entschied mich, nach der Erfahrung in Vancouver, die Ausbildung bei Judith zu besuchen. Ihre Weisheit, Geduld und Herzenswärme berührten mich tief. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass es Lehrer wie sie gibt.

Durch eine intensive eigene Praxis des Restorativen Yoga spürte ich, dass dieser Yogastil mehr ist als besondere Yogaübungen. Die Unterstützung der verschiedenen Hilfsmittel erlaubten meinem Körper, vollkommen zu entspannen und je nach Bedürfnis über längere Zeit in den Posen zu verweilen. Dies ließ mir Raum die Vorgänge in meinem Körper, in der Gedanken‐ und Gefühlswelt bewusst wahrzunehmen, was zu körperlichen und seelischen Heilungsprozessen führte. Gleichzeitig fühlte sich mein Körper und Geist in einer sanften und effizienten Art und Weise flexibler an.

Die Wurzeln von Yoga bedeuten ‚sich vereinen’, ‚zusammenkommen’, ‚sich verbinden’. Das ursprünglichste Verständnis von Yoga war, sich mit etwas zu vereinen, was uns in unsere Kraft bringt. Was unterscheidet nun Restoratives Yoga von einer normalen Yogapraxis? Die Erklärung finden wir bereits im Namen. Restoratives Yoga stellt im wörtlichen Sinn den Körper wieder her. Durch die Belastungen in unserem Alltag braucht der Körper als Gegenpol Entspannung. Er sehnt sich nach ‚Sein’. Dieser Yogastil lädt Menschen ein, die Ruhe suchen und sich vom Stress des Alltags regenerieren wollen. Die pas‐ siven, sanften Übungen werden auf dem Boden bei gedämpftem Licht durchgeführt. Mit diversen Hilfsmitteln, wie Polster, Blöcke, Gurte und Decken ist es für alle möglich, in die entspannenden Positionen zu gleiten. Die Yogastellungen sind somit auch für Menschen geeignet, die nach einer Verletzung ihren Körper auf eine ganzheitliche Art und Weise in ihre Mitte bringen wollen. Aber auch Menschen, die einen erschöpften und von Bewegungseinschränkungen geplagten Körper haben, benötigen eine langsamere und unterstützende Übungspraxis. Restoratives Yoga bringt den Organismus zur Ruhe und widmet sich ganz gezielt auch der Regeneration der Organe. Es bringt einen inneren Prozess in Bewegung, fördert die Sensibilität für den Körper und beruhigt den Geist und das Nervensystem. Durch das längere Verweilen in den Posen gelingt es, sich vollständig der Schwerkraft hinzugeben, in den Raum der Stille einzutauchen, den Klängen der inneren Weisheit zu horchen und vor allem loszulassen.

In mir reifte das Bedürfnis heran, meine Erkenntnisse über die tiefere Bedeutung von Restorativem Yoga in die Welt hinaus zu tragen. Deshalb möchte ich mich in diesem Buch nicht allein auf die Erklärung der Körperübungen beschränken. Vielmehr geht es mir darum, Restoratives Yoga als umfassenden Weg zu mir selbst, zum Leben zu beleuchten. Die Kombination aus Übungen, Weisheiten, eigenen Erfahrungen und biografischen Anekdoten sollen verdeutlichen, dass Spiritualität in jedem Moment des Lebens stattfindet und nicht nur auf der Yogamatte.

Die spirituelle Bedeutung von Restorativem Yoga habe ich in die Lehre des Medizinrades (Lebensweisheiten der Ureinwohner Nord‐amerikas) eingeflochten. Der Schamanismus begleitet mich seit vielen Jahren und ist Teil meines Weges. In der indianischen Spiritualität ist das Medizinrad der Indianer Nordamerikas mit seinen acht Himmelsrichtungen das Symbol für den heiligen Kreis des Lebens. Der Weg des Restorativen Yoga beginnt im Süden des Medizinrades und folgt anschließend im Uhrzeigersinn den acht Himmelsrichtungen. Jede Himmelsrichtung symbolisiert spirituelle Lebensthemen sowie dazu passende Übungen des Restorativen Yogas. Im Süden werden Entspannungsübungen im Kontext von Achtsamkeit beleuchtet. Achtsamkeit bedeutet aufmerksam zu sein. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Sie fließt dorthin, wo du gedanklich bist. Während den Entspannungsübungen bist du im bewussten Wahrnehmen des Augenblicks und bist somit achtsam mit dir selbst. Im Südwesten beschäftigen wir uns mit den Themen Klarheit und Bewusstsein. Drehübungen helfen hier in ‚verdrehten’ Lebenssituationen Klarheit zu entwickeln. Vertrauen ist ein weiterer zentraler Faktor, welches in der Himmelsrichtung Westen durch herzöffnende Rückbeugen unterstützt wird. Im Nordwesten fördern Dehnungen das Loslassen, dich im Vertrauen fallen zu lassen. Klar ausgerichtete Übungen lenken dich im Norden zur Intention, zu deinen Träumen im Leben. Im Nordosten können Umkehrhaltungen festgefahrene Verhaltensweisen lösen, was dich von der Handlung in die Wandlung führt. Im Osten lassen dich Vorbeugen demütig sein und im Ausklang (Savasana) erfährst du die Stille, die dich im Südosten in Kontakt zum Selbst führt.

Im Praxisteil werden die einzelnen Asanas (Stellungen) genau erklärt. Die Schritt‐für‐Schritt Anleitungen und die Farbfotos zeigen den korrekten Ablauf jeder Pose. Zusätzliche Hinweise zu Modifizierungen, diversen Variationen sowie ein Beschrieb über die physischen, psychischen und spirituellen Wirkungen sollen dich zu einem umfassenden Verständnis der Asanas führen. Die Übungen sind sowohl für Einsteiger ohne Vorkenntnisse sowie für Menschen, die bereits Erfahrungen mit Yoga gemacht haben oder seit längerer Zeit selbst üben, geeignet. Dieses Buch soll dir die Möglichkeit geben, die Übungen für dich selbst anzuwenden.

Vielleicht hast du schon viele andere Yogaarten praktiziert. Du weißt, dass es so viele Wege wie Menschen gibt. Es gibt kein ‚Es ist der Weg’. Ich lege mit diesem Buch mein Verständnis von dieser Yogapraxis in deine Hände. Alles was ich schreibe, entstand aus meiner Erfahrung, ist mein Weg und muss nichts mit deinem Weg zu tun haben. Wege entstehen, indem wir sie gehen. Ich lade dich ein, mit offenem Herzen in diese Form der Yogapraxis einzutauchen und dich selbst zu reflektieren.

Ich spreche dich bewusst mit ‚du’ an, damit wir uns etwas näher sind, denn ich freue mich, dass ich meine Gedanken in diesem Buch mit dir teilen darf. Damit der Lesefluss nicht unterbrochen wird, habe ich die männliche Form gewählt. Die Namen der Personen sind frei erfunden.

Mit diesem Buch möchte ich Menschen erreichen, die das Bedürfnis nach einem tieferen Verständnis von Restorativem Yoga haben, um diesen Samen der Heilung in der Stille ihres Herzens wachsen zu lassen. Die Erfahrung, von der äußeren objektbezogenen Bewegung in die Stille des Einfach‐Seins einzutauchen, wird dir Halt und Kraft geben loszulassen. Mit ihrer Hilfe kann es dir gelingen, Krisen zu meistern, dich vertrauensvoll auf eine neue Situation einzulassen oder ein Ereignis besser zu verarbeiten.

VORWORT VON REMO RITTINER

Es hat mich gefreut, dass die Autorin über Restoratives Yoga ein Buch schreibt. Ich kenne Samira Henning seit über zwanzig Jahren. Ihr feinfühliges Wesen und großes Wissen über Yoga haben mich schon früher beeindruckt. Bereits in der Einleitung beschreibt sie eindrücklich, wie sie vor langer Zeit im Restorativen Yoga Inseln der Ruhe, des Glücks und der Leichtigkeit gefunden hat.

Zu Beginn des Buches erläutert sie die Absicht, den Menschen einen tiefen Zugang zu den Zwischenräumen zu ermöglichen, in denen Veränderung und Transformation gelingen kann. In einem berührenden Kapitel über den Sinn des Lebens schreibt sie über ihre Nahtoderfahrung nach einem Fahrrad‐Unfall, in dem sie das Licht erkennen konnte. Sehr bildhaft und lebendig gelingt es der Autorin, die Wur‐ zeln von Yoga zu vermitteln. In diesem Teil werden wichtige Fragen des Lebens klar und deutlich beantwortet. Mit der Eigenverantwortung wird es möglich, dankbar allen Erfahrungen des Lebens zu begegnen und daraus zu lernen.

Samira erklärt in einem ausführlichen Teil über Restoratives Yoga, wie diese Yogaform praktiziert wird und welche Wirkungen dabei möglich sind. Durch das längere Verweilen in den Übungen wird es möglich, sich der Schwerkraft hinzugeben und auf allen Ebenen loszulassen. Von der Bewegung des Tuns ins Sein umzuschalten schenkt die Möglichkeit, tief in die Stille einzutauchen und Regeneration zu erleben.

In den Zielen wird klar, dass es hier um eine Yogapraxis geht, in der Stille, Loslassen und Einfachsein im Fokus ist, was bei den heutigen, oft sehr körperbetonten Yogastilen, nicht im Vordergrund steht. Schon zu Beginn des Buches ist spürbar, dass dieses Buch aus dem Herzen geschrieben wurde.

Nach einer klaren Einführung, was im Restorativen Yoga zu beachten ist, beschreibt Samira im Teil über Achtsamkeit, wie wichtig es ist, ins Beobachten und Spüren zu kommen, um der tieferen Aspekte von Yoga gewahr zu werden. Dadurch wird es möglich, all die gespeicherten Erfahrungen, die im Körper eine Spur hinterlassen haben, wieder bewusst wahrzunehmen und damit einen positiven Umgang zu finden. Gelassenheit, Geborgenheit und Lebensfreude helfen, dem Leben mit Leichtigkeit zu begegnen.

In der Yogapraxis mit dem Thema Entspannung erfährt man ein tiefes Loslassen, das schon alleine durch das Betrachten der unterstützenden liegenden Stellung erahnbar wird und Interesse weckt, es gleich zu erleben. Ausführung, Anpassungen, Schwierigkeiten und Wirkungen der Praxis werden klar und praxisbezogen beschrieben, sodass der Leser mit dem Buch die Übungen gut umsetzen kann. Was mich beeindruckt, sind die vielen Hilfsmittel (wie Decken, Kissen etc.), die in dieser Yogapraxis eingesetzt werden, um die Wirkungsweisen gezielt zu optimieren.

Im Abschnitt über Klarheit teilt die Autorin Erlebnisse aus ihrem Leben, in denen sie tiefe Klarheit erfahren konnte, wie zum Beispiel ihre Erfahrung, wie wichtig es sein kann, Hilfe anzunehmen.

Mit großer Faszination und Staunen habe ich im Teil über die Drehungen erfahren, was es alles für Möglichkeiten gibt, länger in Drehungen zu bleiben. Die positiven Wirkungen dieser Übungen kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, wobei sie durch das lange Verweilen im Restorativen Yoga sicherlich noch vertieft werden können.

Das Thema Vertrauen sprach mich besonders an, da ich über dieses Thema ein Buch geschrieben habe. Treffend schreibt Samira unter anderem, dass Vertrauen bedeutet, dem Wahren treu zu sein. In einer persönlichen Geschichte schildert sie, wie sie ein Kindheitserlebnis mit einer schwierigen Erfahrung erfolgreich umwandeln konnte. In den persönlichen und berührenden Geschichten in diesem Buch werden die spirituellen Inhalte vertieft und immer wieder in den Alltag integriert.

In der Yogapraxis Rückbeugen werden Übungen gezeigt, die sowohl auf der körperlichen wie geistigen Ebene im wahrsten Sinne herzöffnend sind. Die Vielfalt der Anpassungen mit diversen Hilfsmitteln ist beeindruckend und lädt ein, die Stellungen selber auszuprobieren. Was mir als Yogatherapeut besonders gefällt, sind die präzisen und gesunden Ausrichtungen in den Yogastellungen, was die Wirkungen der Yogapraxis wesentlich erhöht und erlaubt, länger in den Stellungen zu verweilen.

Ich entdeckte im Kapitel übers Loslassen viele interessante Aspekte, wie zum Beispiel das Sich‐fallen‐lassen in Unsicherheiten und darauf zu vertrauen, dass die Lösungen bereits vorhanden sind. Sich wieder zu öffnen für ein neues Kapitel im Lebensbuch, Träume verstehen zu können und die Kraft der Rituale anzuwenden, werden in diesem spannenden Teil des Buches sehr bildhaft dargestellt. Dehnungen in der Yogapraxis zeigen wunderbare Körperhaltungen, um die verschiedenen Bereiche des Körpers wirksam zu dehnen. Auch in diesem Abschnitt entdeckte ich neue Varianten, die ich sogleich ausprobier‐ te.

Zentrale Fragen, wie die Integration der Spiritualität und Berufung werden im Abschnitt über Intention beleuchtet und vertieft. Die Neuausrichtung des Geistes und die Visualisierung der Herzenswünsche sind auch aus meiner Erfahrung wichtig, um eine Transformation auf allen Ebenen zu verwirklichen, die nachhaltig wirkt.

Die Autorin zeigt in der Yogapraxis über Ausrichtung auf, wie hilfreich es sein kann, die Absichten leise zu formulieren und mit der Praxis der Körperübungen harmonisch zu verbinden. Wunderbare Stellungen wie Ardha Supta Virabhadrasana (die halbe liegende Krie‐ gerstellung) und viele andere mir unbekannte Variationen, helfen eine neue Ausrichtung zu finden, die dem Körper und Geist mehr Raum und Weite schenken.

In einer offenen und aufrichtigen Art schildert Samira im Kapitel über Wandlung durch Handlung wie sie sich in ihrem eigenen Yogaweg von ihrem Herzensweg entfernte und durch die Einsicht, was sie wirklich will, wieder auf den ursprünglichen und authentischen Yoga‐ und Lebensweg kam.

Nach einer schönen Sequenz mit vielen Umkehrhaltungen wird Demut in den verschiedensten Aspekten reflektiert. Das Wort Demut kommt aus dem althochdeutschen ‚diomuoti’ und ist verwandt mit dem Wort dienen. Hier stellt die Autorin uns Lesern die Frage, ob es Mut braucht zu dienen oder macht Dienen Mut, das Licht in uns zu entdecken? In diesem Teil können wichtige Antworten selbst gefunden werden, die das Leben bereichern und ihm einen tiefen Sinn schenken, der uns alle erfüllen kann. Eindrücklich schildert sie im Buch, wie Demut uns tief ins Yoga und das Leben eintauchen lässt und uns gleichzeitig auf wundervolle Weise in Würde erheben kann.

Nach einer Praxis mit diversen Vorbeugen folgt ein Kapitel über die Stille, in dem sie uns einlädt, in den Zwischenraum, der Alles und Nichts beinhaltet, einzutauchen und uns dessen gewahr zu sein. Dieses Tor der Stille und Leere kann sich durch Restoratives Yoga öffnen.

Ich wünsche diesem wunderbaren Yogabuch viele Leser, die sich vom Inhalt im Herzen berühren lassen. Mögen die Menschen mit Restorativem Yoga tief eintauchen ins Loslassen und Gewahrsein des unendlichen Bewusstseins, das uns alle befreit. Mögen alle Wesen glücklich und frei sein.

YOGA PHILOSOPHIE

In der Yoga‐Philosophie (Katha‐Upanishad 3.3: „Wisse, dass der Atman, das Selbst, der Herr der Kutsche ist, und der Körper die Kutsche; Buddhi, die Vernunft, ist der Kutscher und Manas, das Sinnesvermögen, sind die Zügel“) finden wir ein bedeutungsvolles Bildnis, welches dir ein besseres Verständnis für den eigenen Denk‐ und Handlungsprozess gibt. Dabei wird anhand von einer Pferdekutsche in Bewegung dein gesamtes Sein erklärt.

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Auf einem Wagen sitzt der Kutscher. Hinter ihm hat ein Passagier Platz genommen. Fünf Pferde sind vor die Kutsche gespannt. Die Kutsche symbolisiert den Körper, dein physisches Ich, der Kutscher den Intellekt (Geist), die Zügel die Gedanken, die fünf Pferde deine Emotionen und Gefühle und vor allem deine fünf Sinne und der Passagier die Seele. Der Gast sitzt nur da, nimmt alles wahr und verlangt nach Erfüllung. Er weiß, wohin du willst und auch was der richtige Weg wäre, um dort anzukommen.

Je nachdem, wie du deinen Körper bewohnst und behandelst, ist sein Zustand. Es gibt sportliche schneidige Rennwagen und auch prunkvoll geschmückte Kutschen voller Eleganz. Wenn der Kutscher faul und träge auf dem Wagen sitzt und seine Kutsche vernachlässigt, wird sie ungepflegt vor sich hin rosten, das Holz wird morsch und die Schrauben beginnen sich zu lösen. Die Pferde sind von Natur aus wild und ungezähmt. Sie rennen in vollem Galopp in alle Richtungen, die ihnen in den Sinn kommen. Plötzlich fällt ein Rad ab oder bei einer unvorsichtigen Fahrt gibt es einen Unfall, und der Wagen fällt auseinander. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt der Kutscher (Geist, Verstand) zu begreifen, dass es so nicht weitergehen kann. Also nimmt er die Zügel (Denken) in die Hand und kann seine Pferde (Gefühle, Emotionen, Sinne) wieder kontrollieren und in die Richtung lenken, die er wünscht. Er ist fähig das Tempo anzupassen und wird Herr über die Kutsche (Körper) und die Pferde (Gefühle und Gedanken).

Du weißt vermutlich aus eigener Erfahrung, dass es nicht immer einfach ist, bewusst zu leben. Allzu oft schlafen wir geistig ein und lassen die Pferde wild irgendwohin galoppieren, ohne darüber nachzudenken. Dann wirst du durch das Leben gelebt und geleitet, jedoch nicht andersherum. Du bist nicht mehr Herr der Sinne, der die Richtung bestimmen kann. Die Umstände und Verpflichtungen in deinem Alltag bestimmen dich. Du fühlst dich gefangen in dir selbst, da die Ener‐ gie dahin geht, worauf das Augenmerk gerichtet ist. In diesem Zustand lebst du nach dem Ursache‐Wirkungs‐Prinzip, was deine Möglichkeiten begrenzt, da du die Zukunft basierend auf der Vergangenheit gestaltest. Du bist dir der Eigenverantwortung für Verän‐ derungen im Leben nicht mehr bewusst. Es fehlt die Kraft, Entscheidungen zu treffen. Es entsteht das Gefühl, von außen wie durch Zauberhand gelenkt zu werden.

Wenn du unbewusst und im Stress bist, zieht sich alles in dir zusammen. Dieses Zusammenziehen bewirkt, dass du dich immer mehr der Umwelt entziehst aufgrund äußerer Bedrohungen. Alles beginnt sich nur noch ums Ich zu drehen. Du wirst selbstsüchtig, da sich das Ich nur noch als ein in der Umwelt lebender Körper definiert. Wenn du im Stress bist, bist du mit nur einer Sache unablässig beschäftigt. Der Fokus verengt sich und ist objektbezogen. Du konzentrierst dich auf die Außenwelt, auf ein Objekt und verpasst, eliminierst oder editierst die anderen Möglichkeiten. Wenn du unter Stress stehst, fokussierst du dich auf das Bekannte und fliehst vor dem Neuen, Unbekannten. Das Hamsterrad der Stressroutine hält dich gefangen. Wenn Stress über einen längeren Zeitraum besteht und nicht ausgeglichen wer‐ den kann, werden deine Energiereserven aufgebraucht. Dies hat Auswirkungen auf Körper und Geist. Die emotionale Erschöpfung kann ein ständiges Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht (ohne Macht) hervorrufen. Alles fühlt sich sinnlos an. Gereiztheit, Frustration und Lustlosigkeit sind die Folge. Der Körper beginnt zu streiken. Er wird krank, leidet unter Schmerzen oder verletzt sich. In diesem Zustand hast du deine Selbstbestimmung aufgegeben. Solange du dir diesem Zustand nicht bewusst bist, wird sich in deinem Leben nichts verändern.

Was können wir aktiv tun, um Krankheiten vorzubeugen? Das Wichtigste ist die Bewusstwerdung der Energiequellen in uns. Durch die Bewusstwerdung ist es möglich die Richtung zu ändern, Zeichen wahrzunehmen, wie zum Beispiel, wenn wir uns über längere Zeit müde und frustriert fühlen. Oder wenn unser Geist auch spätabends noch ununterbrochen rotiert und uns nicht einschlafen lässt. Die Aufgabe des Kutschers (Verstand) ist es, seinen Wagen (Körper) zu hegen und pflegen, zu reinigen und ihm Sorge zu tragen. Es geht darum, dass du deinen Körper mit der Lebensquelle verbindest. Der Körper selbst ist ein Ausdruck von Lebenskraft, vom Göttlichen. Wenn du im Yoga mit klarem Bewusstsein deine Übungen praktizierst, dann verbindest du dein Gewahrsein mit dem Atem, mit den Energien, mit der Kraft, die dich bewegt und kannst sehr viel erreichen. Es ist ein wesentlicher Unterschied, wenn du eine Übung ohne Bewusstsein ausführst. Oftmals joggen Menschen Kilometer um Kilometer und denken an etwas komplett anderes. Der Körper fühlt sich dadurch zwar gesund an, was gut ist. Durch die Bewusstheit kannst du jedoch ein ganz anderes Verständnis für die Übung entwickeln, weil du dich nicht nur mit dem Prana in deinem Körper verbunden hast, sondern mit der Lebenskraft um dich herum, mit der Sonnen‐ kraft, mit der Luft usw. Dein Gewahrsein dehnt sich aus und du wirst dir den Kräften in und um dich herum bewusst.

Restoratives Yoga ist eine pure Energie‐Insel. Es hilft dir dabei, gar nicht erst aus der Mitte zu fallen. Und wenn dennoch, durch eine einschneidende Veränderung in deinem Leben, eine Stressspirale entstehen sollte, die dich aus der Mitte katapultiert, kann dich Restoratives Yoga wieder zurück in deine Mitte führen – zu dir selbst. Brichst du mit der Sucht nach Stresshormonen, wird plötzlich deine Lust auf Abenteuer wieder geweckt. Sobald du dir deiner Eigenverantwortung bewusst wirst und spürst, dass die Pferde wegen der Nichtbeachtung dieser Umstände bocken, ausschlagen und ungeduldig und frustriert werden, bringst du sie wieder zurück zum Augenblick und gewöhnst den Körper an einen neuen Geist. Je öfter du das tust, umso mehr vertraut er dir. Wenn du krank oder unausgeglichen bist, lege dich ruhig in eine Restorative Yogaübung und der Geist wird mit dir arbeiten und nicht gegen dich. Es kann eine Veränderung stattfinden. Dies befreit deinen Körper. Es befreit ihn von den Ketten der Vergangenheit. Er quält sich nicht mehr, denn dein Körper merkt, dass er nicht mehr unter alten Bedingungen lebt. Er hat in Akzeptanz losgelassen. In diesem Augenblick sind Pferde, Wagen und Kutscher eins. Vernunft, Denken und Gefühle bilden eine Einheit. Körper und Geist arbeiten zusammen und Atman (das Höhere Selbst, Seele) ist Zeuge dieser Entwicklung.

Weshalb gehst du überhaupt auf diese Reise? Was ist der Sinn deines Lebens? Die Reise in deiner Kutsche machst du für deine Seele. Sie sitzt ruhig und bescheiden hinten im Wagen. Sie ist still und zurückhaltend. Die Seele spricht leise mit dir und dies nur, wenn du dir Zeit dafür nimmst. Sie ist im Hier und Jetzt, ist immer für dich da und reist mit dir durchs Leben.

Im Restorativen Yoga geht es darum, deiner Seele Gehör zu schenken.

Es geht darum, deine Situationen im Leben dankbar anzunehmen im Bewusstsein, dass es kein ‚Richtig’ oder ‚Falsch’ gibt. Du bist hier, um deine Erfahrungen zu machen und von ihnen zu lernen. Gefühle wie Zorn, Eifersucht, Enttäuschung, Groll und Angst zeigen dir, wo du noch blockiert bist. Sie lehren dich aufzuwachen und die Situation anzunehmen, auch wenn du das Gefühl hast lieber davon zu laufen und zusammenzubrechen. Die Emotionen sind deine Lehrer, die dir die Chance geben daran zu wachsen.

Es ist okay, wenn dein Kutscher wieder einmal einschlafen sollte oder dich deine Ängste in eine dunkle Ecke in deinem Inneren treiben. Dies geschieht, damit du den Unterschied spüren kannst, wie es ist, wenn du wieder aufwachst und deine Ängste fürsorglich umarmen kannst. Indem du allem Geschehen während der Restorativen Yogaübung Raum lässt – Raum für Freude, Raum für Trauer, Raum für Linderung – kann Heilung geschehen.

Genug gute Gründe um die Kutschfahrt durchs Leben in die eigene Hand zu nehmen und noch heute mit der Reise zu beginnen!

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